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Großer Tanker auf neuem Kurs unter neuer Geschäftsführung

Portrait Manfred Willems

Das Bundesteilhabegesetz und Maßnahmen zur Inklusion erfordern von Werkstätten für Menschen mit Behinderungen ein völliges Umdenken und neue Verhaltensweisen. Mittlerweile ist eine Reihe von privaten Anbietern am Markt, die unter modern klingenden Namen und Programmen den gleichen Service wie die etablierten Einrichtungen versprechen.

Seit einem guten Jahr ist Manfred Willems neuer Geschäftsführer der Hannoverschen Werkstätten gem. GmbH (HW). Der größte Träger für berufliche und soziale Teilhabe in der Region Hannover beschäftigt mehr als 1000 Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen und setzt rund 220 angestellte Mitarbeiter für Betreuung und Assistenz ein. Der 50-jährige Dipl. Sozialwirt und Dipl. Sozialpädagoge muss einen großen „Tanker“ durch schweres Fahrwasser manövrieren und dessen Kurs neu ausrichten. Dafür hat er viele Ideen.

Hohe Erwartungen ruhen auf Manfred Willems, der im  Sommer 2018 die Nachfolge von Vera Neugebauer übernommen hat und zuvor bereits für die HW in verschiedenen Führungspositionen tätig war – zuletzt als Leiter für Entwicklung und Bildung im vierköpfigen Geschäftsleitungsgespann.

Der „Neue“ begreift den Generationswechsel  als Chance, den Rollenwandel der Werkstätten voranzutreiben: „Wir sind auf gutem Weg zu einer offenen Bildungseinrichtung, die den Spagat schaffen muss, auf der einen Seite Menschen mit hohem Assistenz- und bzw. Pflegeaufwand Arbeitsplätze zu bieten, auf der anderen Seite eine durchlässige berufliche Bildung zu ermöglichen, die für Tätigkeiten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt qualifiziert. Gleichzeitig müssen wir konkurrenzfähig sein, um einen guten Werkstattlohn zu erwirtschaften.“

Wie kann das funktionieren? „Wir bieten viele unterschiedliche Arbeitsplätze und Gewerke an. Das reicht von der Gastronomie über Montagetätigkeiten, Gartenpflege bis hin zu Wohnangeboten. Die Teilnehmenden in unserem Berufsbildungsbereich haben Berufsschulunterricht und werden nach Bildungsrahmenplänen beruflich qualifiziert. Wir arbeiten wie jedes andere Dienstleistungsunternehmen abhängig von den jeweiligen Aufträgen externer Kunden. Wir müssen in einer marktüblichen Qualität produzieren, also für entsprechende Qualifikation und Bildung sorgen“, sagt Willems. Dabei sei die Kooperation mit anderen Unternehmen, mit Bildungs- und Rehabilitationseinrichtungen ein wichtiger Baustein.

Kooperationen mit Betrieben und Bildungseinrichtungen ausbauen


 Die HW investiert seit Jahren in begegnungsfördernde, betriebsintegrierte und externe Beschäftigung. „Wir kooperieren zunehmend mit Firmen, die unseren Werkstattmitarbeitenden eine arbeitsmarktnahe Beschäftigung ermöglichen. Wenn beispielsweise unsere Gastronomie in Schulen und anderen Einrichtungen Kantinen betreibt und wir viele individuelle Einzelarbeitsplätze gemeinsam mit externen Firmen schaffen, ist das ein wertvoller und nachhaltiger Beitrag zur Inklusion“, betont Willems.  

Die HW arbeiteten jedoch nicht nur auf die Inklusion von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt hin. Auch in der Gesellschaft gebe es nach wie vor Handlungsbedarf. „Hier kooperieren wir zum Beispiel mit der hanova in einem Sozialraumprojekt und ambulant betreuten Wohnungsgemeinschaften. Im letzten Jahr ist unsere inklusive Fußballmannschaft mit dem TuS Kleefeld in die erste Saison gestartet und wir kooperieren seit vielen Jahren mit der Volkshochschule zu inklusiven Bildungsprojekten für Menschen mit Behinderung. Inklusion kann nur durch Begegnungen entstehen.“ 

Durchlässige Bildung als Markenzeichen schärfen


Um die Hannoverschen Werkstätten fit zu machen für den Wettbewerb und für die Zukunft, will Willems deren Bildungsauftrag weiter spezialisieren: „Werkstätten müssen Teil des Bildungsapparats in Deutschland werden. Menschen mit Behinderung werden beruflich von uns qualifiziert, können das Erlernte aber nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt anwenden, da sie kein allgemeingültiges Zertifikat erhalten. So kann der Übergang in ein reguläres Arbeitsverhältnis nicht funktionieren.“  

Seit November 2019 kann man sich bei der HW in zwei Jahren zur „Hilfskraft in der Hauswirtschaft“ qualifizieren lassen. Diese Maßnahme ist die erste, die mit einem anerkannten Nachweis für den allgemeinen Arbeitsmarkt abgeschlossen werden kann. Hierfür wurden die HW von der Landwirtschaftskammer akkreditiert. Nur mit solchen zukunftsweisenden Angeboten könnten Werkstätten eine Durchlässigkeit auf den allgemeinen Arbeitsmarkt gewährleisten. Solange es zwei nebeneinander bestehende Arbeitsmärkte gebe, werde es für Menschen mit Behinderung immer eine Herausforderung bleiben, sich außerhalb von Werkstätten zu behaupten. „Das Ziel sollte sein, dass es einen Arbeitsmarkt und ein Bildungssystem gibt, bei dem alle berücksichtigt werden“, betont Willems. 

Forderungen an Politik und Arbeitgeber


 Ohne kooperationswillige Arbeitgeber und eine starke Lobby in Politik und Wirtschaft lässt sich der Wandel der Hannoverschen Werkstätten zu einem modernen Bildungsträger und konkurrenzfähigem Dienstleister nur mühsam vorantreiben. „Ich wünsche mir einen unvoreingenommenen, konstruktiv-kritischen Dialog und Kooperationen auf Augenhöhe. Ich habe derzeit den Eindruck, dass wir als Werkstatt für Menschen mit Behinderung in unserer Arbeit unterschätzt werden, obwohl wir einen wichtigen Beitrag zur beruflichen Bildung leisten und Profis auf dem Gebiet Teilhabe und Bildung durch Arbeit sind. Wir verstehen uns als ein Motor der Inklusion und arbeiten aktiv an unserem Rollenwandel. Unser Wissen könnte wesentlich gewinnbringender genutzt werden. Wir möchten und werden gemeinsam mit Politik und Wirtschaft neue Wege gehen, um optimale Rahmenbedingungen für eine gelungene Inklusion, also einen Arbeitsmarkt für alle Menschen zu schaffen“, sagt Willems.  

Grundvoraussetzung für den Wandel sei eine gute Kooperation mit Arbeitgebern des allgemeinen Arbeitsmarktes. Dort müsse ein Umdenken stattfinden, sodass mehr Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung geschaffen werden. „Unsere Tochterfirmen, die ,Mosaik inklusiv leben‘ und ,Jobwärts Inklusionsbetriebe‘ arbeiten inklusiv mit Menschen mit Behinderung unterschiedlicher Altersklassen und profitieren sehr von unserem vorhandenen Know-How.“

So biete die ,Mosaik inklusiv leben‘ die Möglichkeit zur Schulbegleitung für Menschen mit Behinderung in Regelschulen an und  man kannsich in einer Wohnschule individuell auf das eigenständige Leben in der gewünschten Wohnform vorbereiten. „Solche Angebote sind essenziell und müssen gefördert werden, um Teilhabe in möglichst vielen Bereichen zu ermöglichen“, fordert Willems.

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